Der falsche Tumor.

Hallo Leute,

als erstes möchte ich mich bei Euch für die vielen Likes und Zuschriften bedanken, die unser Blog nach den wenigen Einträgen bereits bekommen hat. Ihr seid spitze! Es ist nämlich so, dass eure Beteiligung, egal ob in Form eines nach oben zeigenden Daumens oder aber eines Kommentars, und sei er noch so kritisch, uns signalisiert, dass ihr mögt was wir tun und das ist toll.

Ich möchte euch heute von einer Patientin erzählen, die ich vor einiger Zeit im Notarztdienst behandelt musste und der man echt übel mitgespielt hat. Die Frau litt seit einiger Zeit unter einem sehr unangenehmen Husten, der sich mit der Zeit eher verschlimmerte, sodass ihr Hausarzt entschied sich etwas intensiver mit dem, normalerweise nicht sonderlich gefährlichem Symptom zu beschäftigen. Aber es ist eben so; wenn Husten über einen längeren Zeitraum und ohne erkennbaren Grund anhält, dann kann da schon auch mal was Gefährliches dahinterstecken. Und das möchte man doch ausschließen, gerade weil die Dame noch keine 50 Lenze zählte. Insofern war eine Abklärung echt dringend nötig – wenn dabei nichts rauskam gut, wenn aber doch, dann musste eine Behandlung her – und zwar pronto.

Der erste Schritt war eine Röntgenaufnahme des Brustkorbes um sich einen Überblick über die Struktur des Lungengewebes zu verschaffen. Und tatsächlich – die Aufnahme zeigte eine Unregelmäßigkeit, einen sogenannten Rundherd, der alles mögliche, aber eben auch Krebs bedeuten konnte. Es stand also fest – irgendetwas hatte sich in der Lunge meiner zukünftigen Patientin festgesetzt und möglicherweise – die Patientin war Raucherin – war es Krebs. Ein Schock für alle Beteiligten. Aber es gibt Befunde, die darf man nicht ignorieren und so schlimm es auch war, eine weitere Abklärung war dringend nötig. Dass die Patientin fast drei Wochen auf ihr CT, also auf die Computertomographie der Lunge, die uns Ärzten einen deutlich besseren Überblick über die Struktur des Organs liefert als die Röntgenuntersuchung, warten musste, spricht für sich und wirft kein besonders gutes Licht auf unser Gesundheitssystem. Aber sei’s drum. Ihr könnt euch sicher vorstellen, durch welche Hölle die arme Frau gehen musste bis dann endlich der Tag der Untersuchung anbrach. An Schlaf, so erzählte sie mir später, war in dieser Nacht nicht zu denken.

Ich lernte die Frau am Abend nach dem CT kennen. Das Einsatzstichwort lautete Luftnot. Gerade als ich mich gemütlich mit etwas Essbaren vor den Fernseher gepflanzt und die Götter des Blaulichts um eine ruhige Nacht gebeten hatte rebellierte der Funkmeldeempfänger. So schnell es eben ging ließen wir das warme Essbare links liegen und machten uns auf den Weg zum Einsatzort. Der stellte sich als Einfamilienhäuschen in einer beschaulichen Vorortsiedlung heraus. Bereits am Eingang wurden wir vom Herrn des Hauses begrüßt, der uns bat so schnell wie möglich mit nach drinnen zu kommen. Bei seiner Frau wäre Lungenkrebs festgestellt worden und jetzt könne sie nicht mehr richtig atmen. Also schnappten wir uns das nötige Equipment und machten uns auf den Weg um der Patientin zur Hilfe zu eilen. Deren Problem war aber nicht, dass sie zu wenig Luft in ihre Lungen bekam – das Gegenteil war der Fall. Die Frau hyperventilierte, was bedeutete, dass sie, getriggert durch die Diagnose vom Vortag, so schnell und panisch atmete, dass auf jeden Fall genug Sauerstoff die Lungen fluten konnte, der Gehalt des Kohlendioxid (CO2), in ihrer Blutbahn aber radikal fiel. Das zu Grunde liegende Krankheitsbild war eine Hyperventilation, ausgelöst durch massiven psychischen Stress, nämlich die Krebsdiagnose.

Nachdem ich der Frau gut zugeredet und ihr ein leichtes Beruhigungsmittel gespritzt hatte ließ ich mir den schriftlichen Befund des Radiologen zeigen, der die CT-Untersuchung durchgeführt hatte. Es war zu lesen, dass der auffällige Röntgenbefund NICHT auf einen Krebsherd, sondern eine alte, verkalkte Entzündung zurückzuführen war. Also – kein Tumor. Die Patientin würde leben. Es stellte sich heraus, dass die Kommunikation zwischen Radiologe und Patient irgendwie suboptimal verlaufen war und die Botschaft, die vom Arzt bei der Frau angekommen war lautete, dass da ein Krebsgeschwür in der Lunge am baldigen Tod der Betroffenen arbeitete. Nur – dem war gar nicht so. Ich versuchte den Befund so einfach wie möglich zu erklären, doch anfangs wollten mir weder Patientin, noch Ehemann glauben. Zu schön war das, was ich zu berichten hatte.

Am Ende vertrauten die beiden mir doch und ich schickte sie zum Hausarzt, damit der alles weitere organisieren konnte. Sterben würde die Frau aber nicht so bald – zumindest nicht an Lungenkrebs. Was hat mich dieser Fall gelehrt? Kommunikation ist das A und O. Denn sie macht den Unterschied zwischen einem erleichterten und einem todkranken Patienten.

Bis bald und bleibt mir schön gesund.

Euer Falk.