Warum die Arbeit im Rettungsdienst mehr ist als Einladen und los …

Hey ihr,

 

Stellt euch vor, euch geht es so richtig schlecht. Ihr ruft die 112 und der Rettungsdienst kommt mit einem Rettungswagen. Aber was dann? Was passiert dann?

Heute will ich euch einfach mal einen groben Überblick geben, was eigentlich passiert, wenn die Rettung kommt. Oder zumindest – was passieren sollte. Im Endeffekt kann ja jeder Verantwortliche auf dem RTW (Rettungswagen) entscheiden, wie er seinen Einsatz führt und wie er mit den Patienten umgeht und diese versorgt. Aber will ich euch hier einfach mal ein Beispiel geben, wie es sein sollte.

Speziell geht es hierbei um das Vorgehen nach AMLS = Advanced Medical Life Support. Also die fokussierte Untersuchung und Einschätzung eines Notfallpatienten mit der dazugehörigen Behandlung von lebensbedrohlichen Zuständen. In diesem Zusammenhang habe ich am letzten Wochenende einen Kurs besucht, um dieses Vorgehen zu wiederholen. Denn schon während einer Ausbildung zum Rettungsassistent haben wir diese Vorgehensweise kennengelernt, die nun also für mich schon bekannt war.

Aber fangen wir von vorne an. Viele von euch werden ja schon von diesen ganzen Buchstaben gehört haben. Es geht darum um Schemata wie das ABCDE, SAMPLER und OPQRST. Vorweg muss ich sagen, dass eine gute Grundkenntnis in Anatomie und diversen Krankheiten und Symptomen vorsaugesetzt wird, um aus den erhobenen Werten und Untersuchungsbefunden überhaupt etwas anfangen zu können.

Kommt nun also das Team des Rettungsdienstes zum Einsatz und betritt die Wohnung, macht sich der Verantwortliche sich zunächst einen groben Überblick der Situation und beurteilt kurz, ob für das Team Gefahren an der Einsatzstelle bestehen könnten. Dazu zählt beispielsweise bei Verkehrsunfällen der laufende Verkehr usw. Ist nun also die „Szene“ klar und die Sicherheitslage beurteilt und für sicher empfunden, wird sich dem Patienten gewidmet. Das ist das SSS Schema, also Szene, Sicherheit und Situation.

Nun wird der Patient angesprochen und sich kurz seinem Problem gewidmet. Also warum hat er uns gerufen und was ist sein Hauptproblem oder Anliegen, weshalb wir nun bei ihm sind. Nach der kurzen Schilderung sagen wir dem Patienten, dass wir ihn nun kurz von Kopf bis Fuß untersuchen und uns anschließend spezieller mit seinem Problem befassen. Dieses ganze Vorgehen dient dazu, uns einen ersten Eindruck vom Patienten zu verschaffen und kurz einzuschätzen, ob irgendein lebensbedrohlicher Zustand vorliegt, den wir sofort behandeln müssten. Denn generell gilt das Sprichwort „treat first what kills first“ = also behandle zuerst, was den Patienten zuerst umbringen könnte. Aber darauf werde ich gleich im Einzelnen genauer eingehen. Wichtig beim Ersteindruck sind offensichtliche Zeichen, die uns annehmen lassen, dass der Patient kritisch ist und es ihm wirklich nicht gut geht. Das sind Dinge, die uns sofort ins Gesicht springen.  Wie ist zum Beispiel die Haltung des Patienten, wie gibt er sich, oder wie sieht er aus. Ist er blass, oder hat er irgendwo blaue Verfärbungen, was auf einen Sauerstoffmangel hinweisen würde. Diese Zeichen fragen wir auch alle gleich bei dem ABCDE Schema ab, springen uns aber im echten Leben sofort ins Auge und man hat schnell ein Gefühl dafür, dass es nun wirklich um was geht.

Machen wir nun weiter mit dem ABCDE Schema und widmen und jetzt genauer dem „A“, = Atemweg/ Airway. Dabei geht es um das Areal von der Nase/dem Mund bis zur Lunge. Kann der Patient also frei einatmen, oder gibt es irgendwelche Geräusche, die dort nicht hingehören? Ein A-Problem könnte zum Beispiel ein zugeschwollener Atemweg nach Wespenstich sein. Das wäre ein solches Problem, was sofort behoben werden müsste. Stellen wir während des Schemas eine so, gravierende Störung fest, unterbrechen wir die Untersuchung und behandeln den Auslöser sofort.  Auch schauen wir danach, ob die Luftröhre mittig sitzt, oder ob die Halsvenen gestaut sind. nach den Halsvenen schaue ich hier kurz, da diese direkt neben der Luftröhre liegen und ich so direkt daran denke. Ein weiteres A-Problem, welches einfacher zu beheben wäre, wäre ein Schnarchendes Atemgeräusch, beispielsweise durch eine zurückgefallene Zunge, was wir mit einfachen Hilfsmitteln behandeln könnten.

Ist der Atemweg frei, was bei fast allen Patienten der Fall ist, kommt nun das B = Belüftung/ Breathing. Wir schauen, wie der Patient atmet, atmet er tief genug, wie schnell atmet er, hat er eine blaue Verfärbung der Lippen und wie  ist seine Sauerstoffsättigung. Dazu gehört auch die kurze Auskultation der Lunge mit dem Stethoskop und festzustellen, ob die Lunge gleichmäßig belüftet ist, oder ob Atemgeräusche zu hören sind, die dort nicht hingehören. Zusätzlich schauen wir danach, ob der Brustkorb sich gleichmäßig hebt und senkt bei der Ein- und Ausatmung. Gehen wir von einem Trauma aus, tasten wir den Brustkorb auch ab und schauen nach Verletzungen. Stellen wir hier wiederrum ein Problem fest, wie zum Beispiel eine Zyanose (Blaufärbung) oder eine schlechte Sauerstoffsättigung, oder klagt der Patient über Atemnot, wird er direkt mit Sauerstoff behandelt.

Nun widmen wir uns dem C = Kreislauf/ Circulation. Hier fühlen wir dem Patienten den Puls. Ist der Puls an der Hand gut tastbar, wie stark ist er, wie schnell schlägt er und ist er regelmäßig. Mit dieser einfachen Untersuchung haben wir direkt eine Menge festgestellt und können anhand des Pulses wirklich viel über den Patienten erfahren. Danach schauen wir durch die Recap-Zeit, wie gut die periphere Durchblutung ist. Auch Nagelbettprobe genannt. Ist diese <2 Sek. Ist die Durchblutung optimal. Über 2 Sek. Hat der Patient vermutlich ein C- Problem. Auch die Untersuchung der Haut gehört hierzu. Ist der Patient blass, oder schwitzt er sehr stark? Wenn der er kaltschweißig ist, ist das immer ein Indiz für einen schlechten Kreislauf. Geht es hier wiederrum um ein Trauma, schauen wir nach den großen Blutungsräumen wie dem Bauch, den Oberschenkeln und dem Becken. Blutet es hier ein, hat der Patient ein großes Problem und wir müssen sofort handeln.  Da Wir bei B schon das Pulsoxymeter angeschlossen haben, können wir auf diesem nun die genaue Pulsfrequenz ablesen. Anhand dieser wissen wir auch schnell, oder der Patient ein akutes Problem hat. Ist der Patient kreislaufmäßig instabil oder kritisch, bekommt er hier nun direkt einen venösen Zugang. Eine große Blutung könnten wir zum Beispiel schnell durch abbinden via Tourniquet stoppen, oder durch einen Druckverband.

Danach geht es über zum D = neurologischer Zustand/ Disability. Hier machen wir uns einen kurzen Eindruck über die Vigilanz und die Neurologie. Wir schauen nun nach den Pupillen. Sind diese eng, gleich groß und reagieren sie gleichmäßig auf Licht. Diese untersuchen wir mit einer Pupillenleuchte. Weiterhin schauen wir danach, ob der Patient seine Arme und Beine gleichmäßig bewegt und ob seine Motorik normal funktioniert. Hierbei hilft uns die GCS = Glasgow Coma Scale zur Einschätzung. Auch wichtig ist hier der Blutzucker. Eine Unterzuckerung führt nämlich oft zu neurologischen Symptomen.

Als letztes kommt nun das E – Exposure/Environment = also äußere Umstände und die Entkleidung. Wichtig ist das, um zu schauen, ob der Patient irgendwelche Verletzungen hat, oder Unregelmäßigkeiten zu sehen sind. Hier machen wir auch einen umfangreicheren Bodycheck und Tasten den Patienten von Kopf bis Fuß ab. Speziell wenn von einem Trauma ausgegangen wird. Bei der Entkleidung können auch Dinge wie aufgeklebte Schmerzpflaster, Schrittmacher oder OP-Narben festgestellt werden. Diese geben auch oft viele Informationen.

So viel nun zur Erstuntersuchung des Patienten. Das hört sich jetzt nun nach wirklich viel an. Aber der geübte Anwender kann all diese Punkte in 1-2 Minuten abarbeiten und so schnell feststellen, wie es dem Menschen geht. Nach dieser Untersuchung kommt nun die Anamnese. Zunächst erstellen wir aber anhand der erhobenen Werte und der Ersteinschätzung Verdachtsdiagnosen und legen fest, ob der Patient kritisch ist, oder nicht. Neben den Differentialdiagnosen legen wir ein Leitsymptom fest, um dem Hauptproblem des Patienten auf den Grund zu gehen. Die Anamnese betreiben wir jetzt  nach dem SAMPLER und OPQRST Schema. Diese werde ich nur ganz kurz anreisen und bei einem anderen Beitrag genauer darauf eingehen. Ist ja jetzt schon ein gewaltiger Text. 😀 Also ganz kurz:

Symptome

Onset Beginn der Beschwerden

Provokation – können diese durch etwas provoziert/verändert werden

Qualität der Beschwerden

Radiation – strahlen die Beschwerden aus

Stärke der Beschwerden/Schmerzen

Time – Zeitlicher Verlauf der Beschwerden

Allergien

Medikamente

Patientengeschichte

Letzte Mahlzeit/Einnahmen/zuletzt getrunken

Ereignisse vor dem Symptombeginn/ was hat dazu geführt

Risikofaktoren Alkohol/Drogen/Nikotin/Bluthochdruck usw.

 

Wenn all diese Punkte erfragt worden sind, haben wir schon wirklich viel herausgefunden und wir können nun gut abschätzen, woran wir bei dem Patienten sind.  Während der Teamleader den Patienten befragt und die Anamnese durchführt, kann der Teampartner parallel schon Messwerte erheben und das Monitoring anschließen. Nachdem wir alle Messwerte erhoben haben und durch Erfragen Differentialdiagnosen ausschließen können, legen wir uns auf eine Arbeitsdiagnose/Verdachtsdiagnose fest. Nach dieser wird der Patient dann nun weitergehend behandelt, wird gelagert und bekommt gegeben falls Medikamente, die das Krankheitsbild/ die  Symptome behandeln können.  Danach gehen wir das ABCDE Schema noch einmal kurz durch und schauen, ob durch unsere Behandlung bereits eine Besserung eingetreten ist. Dann transportieren wir den Patient in eine geeignete Klinik mit der entsprechenden Fachrichtung.

Wie ihr seht ist Rettungsdienst eben nicht nur einladen und wegfahren, sondern einen wirklich sehr umfangreichen Beruf, der echt viel mit sich bringt. Wir können und machen echt mehr, als manch einer erwartet, wenn er die 112 ruft.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass mit dieser AMLS Kurs wirklich Sicherheit bei der Untersuchung und der Einschätzung von Notfallpatienten gegeben hat. Auch das Kombinieren der erhobenen Werte und Parameter ist mir danach deutlich leichter gefallen. Oft hat man Werte erhoben, ohne eigentlich Konsequenzen daraus zu ziehen. Da wurde mir durch den Kurs echt einiges klarer. Für mich war es definitiv ein Zugewinn und es hat mir mehr Sicherheit und eine klarere Linie gegeben. Ich hoffe, ihr konntet hierdurch etwas über die Vorgehensweise des RD´s erfahren.

Viele Grüße und bis nächste Woche,

Euer Marius.